Leseprobe

Aus „Tödliche Verkostung“

Spät am Abend stand ich wieder einmal vor dem Problem, nicht zu wissen, warum ich nachhause gehen sollte. Ich löste es, indem ich mich für einen Wein im Grünen Punkt entschied. Wie meistens lief dort der Fernseher. Die Gäste schauten begeistert zu, wie ein Wal auf einsamer See eine Wasserfontäne in die Luft blies, bevor er mit mächtigem Flossenschlag verschwand. Dazu berichtete eine Reporterin, dass bestimmte Nationen diese Tiere gerne wieder vermehrt jagen würden.
„Eine Schande ist das“, kommentierte der weißhaarige Rentner am Stammtisch. Sein zahnloser Kollege pflichtete ihm bei.“Nur weil die Japaner unbedingt Walfleisch essen wollen, werden diese Tiere nach und nach ausgerottet. Wir haben doch so viele Gesetze. Warum unternimmt denn niemand etwas dagegen?“Das war zweifelsohne ein Fall für Julius Dexheimer. Wie jeder Anwalt in dieser Republik bin ich allzeit bereit, den Rechtsstaat gegen alle Zweifler zu verteidigen. Ganz besonders liebe ich es, den Menschen zu erklären, weshalb die Welt noch schlechter ist, als sie es befürchten. Außerdem sind Gesetze das ureigenste Fachgebiet der Rechtsanwälte, besonders wenn es gar keine Gesetze sind, sondern internationale Verträge. Wie diese Gebilde im komplizierten Zusammenspiel der Nationen sowie unter Berücksichtigung etlicher Einzelinteressen entstehen, kann niemand besser als die Anwaltschaft dem einfachen Bürger erklären. Wir haben zwar in der Praxis kaum damit zu tun, doch im Rahmen der Ausbildung steht irgendwann auch das Völkerrecht auf dem Plan. Ich konnte mich noch gut daran erinnern, wie ich die Vorlesung mit einer hübschen Kommilitonin schwänzte. Jeden Mittwochmorgen zwischen neun und elf Uhr. Bis auch das langweilig wurde. Nichts bereitet schneller Überdruss als die Routine.
„Weiß irgendjemand hier, was die internationale Walfangkommission ist?“, fragte ich in die Runde.
Ebenso interessierte wie unwissende Blicke richteten sich auf mich. Ich genoss es, im Mittelpunkt zu stehen und trank sehr bedächtig einen Schluck Wein.
„Die Walfangkommission ist ein Musterbeispiel dafür, wie Politik funktioniert“, erklärte ich. „Wer versteht, wie die Walfangkommission arbeitet, der versteht auch, wie bei uns im Lande Gesetze gemacht werden, egal auf welcher Ebene.“
„Dann erkläre es uns doch“, stieß der Wirt mich an, worauf ich ihm einen vorwurfsvollen Blick zuwarf.
„Politik ist ein sehr schwieriges Geschäft, das bedarf genauer Analyse. Die Walfangkommission ist deshalb so ein treffendes Beispiel, weil dort nicht mehrere Interessen zum Ausgleich gebracht werden müssen, sondern nur zwei. Die einen wollen abknallen, die anderen nicht. Bei sonstigen politischen Themen ist das selbstverständlich noch viel komplizierter.“
„Dann fangen wir eben mit der einfachen Version an“, riefen die Rentner am Stammtisch gleichzeitig. Ich hatte ihr Interesse geweckt, weshalb mir nun die notwendige Aufmerksamkeit für einen Monolog zuteilwurde.
„Der Interessenausgleich beim Walfang funktioniert folgendermaßen“, erklärte ich: „Irgendwann haben sich die Staaten einmal darauf geeinigt, dass die Frage, ob die Wale gejagt werden oder ob nicht, durch Mehrheitsbeschluss dieser schon erwähnten Kommission festgelegt wird. Was nicht geregelt wurde, ist, wer überhaupt in diesem Gremium mit abstimmen darf. Deshalb ist es möglich, das Abstimmungsergebnis zu manipulieren, was eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Politik ist.“
Der Wirt kniff die Augen zusammen. „Ich kann dir im Moment nicht ganz folgen. Wer darf denn nun hinein in die Kommission?“, wollte er wissen.
„Ganz einfach“, erklärte ich. „Jeder. Deshalb entsendet seit neuestem die Mongolei Vertreter dorthin und stimmt so ab, wie Japan das will. Ob es in der Sprache der Mongolei überhaupt ein Wort für die Meeressäuger gibt, darf bezweifelt werden. Ebenfalls großes Interesse am Schicksal der Wale hat plötzlich die Zentralafrikanische Republik, ein Land, das praktisch nur aus Wüste besteht. Immerhin haben deren Vertreter wenigstens zugegeben, dass sie im Gegenzug „Entwicklungshilfe“ von den Walfangnationen erhalten.
Wir Deutschen sind natürlich wieder auf der Seite der Guten. Wir kämpfen entschieden gegen den Abschuss der Wale, allerdings mit Argumenten, nicht mit Geld. Niemals würden wir die Stimmen einer bedeutenden Walfangnation wie etwa Nepal einfach aufkaufen.“
„Kein Wunder“, bemerkte der Wirt. „Unser Geld müssen wir schließlich zur Stützung des Euros ausgeben.“
„Ein sehr guter Hinweis“, lobte ich ihn. „Es soll nämlich in der Ägäis Staaten geben, die sitzen in der Kommission, sind aber bankrott und konnten deshalb ihre Beiträge nicht zahlen. Die dürfen dann nicht mit abstimmen, was sich als tödlich für die Wale erweisen könnte, wenn es auf eine Stimme ankommt. Glücklicherweise kommt es aber nie zu einer Kampfabstimmung, weil immer im letzten Augenblick noch eine Lösung gefunden wird. Die sieht zum Beispiel so aus, dass die Walfangschützer behaupten, die Wale wären ausreichend geschützt. Die Walfangnationen bestätigen das, sehen aber in der bestehenden Regelung genügend Ausnahmen. Die Waljagd wird scheinbar, aber nicht wirklich verboten. Damit sind alle glücklich und klopfen sich auf die Schulter, was sie erreicht haben.“
Der weißhaarige Rentner nickte zustimmend mit dem Kopf. Dann hielt er plötzlich inne, schaute zuerst den Zahnlosen an, dann mich und kratzte sich schließlich am Kopf.
„Eines ist mir jetzt nicht klar.“ Er blickte umher, ob nicht ein anderer dieselbe Frage hatte. „Welche Rolle spielt denn in der Kommission der Wal selbst? Gibt es mittlerweile wieder genug davon oder müssen wir diese Tiere noch schützen?“
„Das „, belehrte ich ihn mit erhobenem Zeigefinger, „nennt man eine Sachfrage. Sie ist grundsätzlich unerheblich, denn sie verhindert die Entscheidungsfindung. Sachfragen darf man am Beginn der Diskussion zwar stellen, das Beharren auf Antworten wäre aber eine politische Dummheit. Dadurch wäre nämlich möglicherweise ein Kompromiss gefährdet.“
„Aber es geht doch um die Wale. Oder habe ich das falsch verstanden?“
„Nein, es geht darum, wie die Kommission sich auf ein Ergebnis einigen kann, mit dem jedes Land leben kann. Sachfragen sind für die Kommission völlig unerheblich. Deshalb sage ich doch: ein Lehrstück über Politik.“
Nach dieser umfangreichen Erläuterung ließ ich mir zufrieden noch ein Glas Wein servieren. Ich sah, wie die beiden Rentner angespannt darauf lauerten, dass ich noch etwas hinzufügte. Meine Auskunft war unbefriedigend. Keiner wollte mir so recht glauben, fürchtete insgeheim, dass Politik wirklich so funktionierte, wie ich es erklärt hatte. Deshalb griff ich das Thema nicht erneut auf. Schließlich sollen die Menschen ihrem Anwalt vertrauen und nicht ihren Politikern.