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RHEIN-ZEITUNG FÄLLT AUF FAKE-NEWS REIN

Die angesehendste Tageszeitung im nördlichen Rheinland-Pfalz, gelüstete es dieser Tage danach, hinter die Kulissen des Kreuznachtillon zu blicken. Ein dreister Versuch von Spionage, der mit juristischen Mitteln erfolgreich zurückgeschlagen wurde. Mangels Liquidität konnte allerdings kein Rechtsanwalt bezahlt werden, weshalb der Kreuznachtillon kurzerhand einen Anwalt erfand, den es tatsächlich gar nicht gibt. Der traf sich unter dem Fantasienamen Julius Dexheimer mit der Redakteurin Cordula Kabasch vom Öffentlichen Anzeiger zum Interview. Dabei tat er so, als habe er tatsächlich etwas zu erzählen und redete, als habe er von irgendetwas Ahnung. Als Krönung schwätzte er der Redakteurin auf, die Hauptfigur in fünf Romanen zu sein.Prompt entstand eine Zeitungsente, wie sie die Presse lange nicht erlebt hat.

Seit der Veröffentlichung fragt ganz Deutschland sich mittlerweile: Ist endlich wieder Bundesliga oder was? Redakteurin Kabasch gibt sich selbstkritisch. „Ich hätte es merken müssen„, meint sie. „Der Typ trug keine Krawatte, das war schon seltsam. Er legte auch keinen Wert darauf, vor einschlägigen juristischen Büchern mit dem Telefonhörer am Ohr fotografiert zu werden. Bei echten Rechtsanwälten völlig undenkbar. Obendrein trank er zum Gespräch einen Chardonnay. Die Advokaten, die ich kenne, trinken heimlich Single-Malts, aber nicht öffentlich Wein. Das war nie und nimmer ein echter Rechtsanwalt – da bin ich mir mittlerweile ganz sicher.“

Redaktionsleiter Gustl Stumpf hat seiner Redakteurin bereits verziehen. „Es ist eben Sommerloch“, meint er. „Da ist es schwer, die Seiten vollzukriegen. Normalerweise schreiben wir in solchen Zeiten bei der AZ ab, aber eine Zeitungsente ist qualitativ doch wesentlich höherwertig.“

Beim Konkurrenzblatt ist die Schadenfreude groß. „Julius Dexheimer? Kreuznachtillon? Wenn es das gäbe, wüssten wir etwas davon. Tun wir aber nicht, also gibt’s das nicht.“ Dieses klare Ergebnis knallharter Recherche führt bei der Stadtverwaltung zu einem erleichterten Aufatmen: „Wieder ein Thema erfolgreich totgeschwiegen“, verkündet der Pressesprecher. „Die Meldungen des Kreuznachtillon waren zwar im Prinzip richtig, aber offensichtlich gab es sie gar nicht.“

Derweil rätseln die Leser, wer jetzt eigentlich wen durch den Kakao zieht. „Sein oder nicht sein, das ist hier die Frage. Ich blicke langsam selbst nicht mehr durch“, bekennt Heinrich Laun, der selbst schon Artikel verfasst hat, und darum von den Äußerungen aus der Gymnasialstraße unangenehm überrascht wurde. Marion Cyfka, die morgens immer eine der ersten Leserinnen ist, will trotzdem künftig dabei bleiben: „Gibt es nicht gibt’s nicht, es gibt ja auch Gips“, meint sie spontan und erklärt nach nochmaligem Nachdenken: „Verwirrend. Man weiß nie so recht, was das soll. Ich fühle mich immer an die Redemanuskripte meines Mannes erinnert.“ Gert Hagebe von der taberna libraria ist sogar ein wenig traurig. „Ja, ich habe das regelmäßig gelesen“, räumt er ein. „Eigentlich unfassbar, dass es das nie gab. Man muss einfach verdammt aufpassen mit diesem Internet. Da werden einem sogar Fake-News als Fake-News untergejubelt.“

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