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Kreuznachtillon

Staatsfeind Nr. 1

KREUZNACHER BUB ZUM STAATSFEIND NR. 1 GEKÜRT

Der türkische Generalkonsul kam aus Mainz angereist, der türkische Botschafter sogar aus Berlin. Gemeinsam weigerten sie sich zuerst, den Atatürk-Saal des Kurhaus zu betreten, und nahmen nach Verlegung des Treffens in einen politisch neutralen Raumeine ganz besondere Ehrung vor: Max Müller aus dem Gässje darf sich ab sofort Staatsfeind Nr. 1 der Türkei nennen!

Zuvor hatte er sich in der Castingshow „Turkeys first Staatsfeind, moderiert by Haydi Glüm“ gegen zahlreiche Mitbewerber durchgesetzt. Am Rande der Ehrung, während Haydi Glüm noch den Zweit- und Drittplatzierten ihr Fahndungsfoto überreicht, erzählt Müller seine Geschichte: „Es begann im Jahre 2001, direkt nach dem Abitur. Ich war mit ein paar Freunden an die Riviera geflogen. Allerdings wusste ich nicht, dass die in der Türkei ist. Meine Kumpels lagen am Pool, ich hing an der Hotelbar ab und schaute das Championsleague-Finale mit dem FC Bayern München, jenes Spiel, in dem Mehmet Scholl einen Elfmeter verschoss. Als der Ball am Tor vorbeiging, rief ich spontan: Mehmet, Du Idiot! Fünf Minuten später klickten bereits die Handschellen.“

Dem damals noch jungen Mann wurde Beleidigung des Türkentums vorgeworfen. Vergeblich verteidigte er sich damit, einen deutschen Mehmet gemeint zu haben – niemand glaubte ihm. Das Urteil fiel mit 20 Jahren Haft relativ milde aus. Im Jahre 2016 wurden Max Müller zudem die letzten 5 Jahre erlassen, weil die Gefängnisse seit dem Putschversuch in der Türkei aus allen Nähten platzen. Müller kann nur müde lächeln wenn er Namen wie Deniz Yücel oder Peter Steudtner hört. „Mittlerweile gilt es ja als hip, im Knast zu sitzen. In der Türkei gibt es bereits Erwägungen, diejenigen, die noch draußen sind komplett auszutauschen gegen jene, die schon drinnen sind. Anschließend sollen alle Schilder an den Haftanstalten um 180 Grad gedreht werden. So hofft man, das Platzproblem zu lösen. Aber egal ob die Staatsfeinde nun diesseits oder jenseits der Gefängnismauern inhaftiert sind: Ich war auf jeden Fall der Erste, die Nr. 1 eben.“

Dies bestätigt auch der türkische Botschafter. „Max Müller aus Bad Kreuznach führt eindeutig unsere politischen Verhaftungslisten an. Er saß bereits hinter Gittern, als Präsident Erdogan noch mit Fethullah Gülen Haschisch aus der Shisha kiffte und ist darum für uns der erste Märtyrer der Demokratie.“ Auf ein mögliches Ende der Verhaftungswellen angesprochen wollte der türkische Gesandte noch kein verbindliches Datum nennen. „Wie jeder treue Erdogan-Anhänger hoffe natürlich auch ich jeden Tag auf meine eigene Festnahme, aber zu Ende wird es erst sein, wenn Erdogan sich selbst verhaftet hat. Wir gehen davon aus, dass er dies unmittelbar nach der Wiedereinführung der Todesstrafe tun wird, womit auch klar sein dürfte, wie wir die Gefängnisse wieder zu leeren gedenken.“

Der Generalkonsul aus Mainz teilt diese Einschätzung, reagiert auf das Thema Verhaftung aber leicht verstimmt: „Mein Haftbefehl wurde schon vor drei Monaten erlassen. Aber die Bundesrepublik verweigert meine Auslieferung unter Hinweis auf meinen Diplomatenstatus. Ich werde mich wohl vor deutschen Gerichten in ein türkisches Gefängnis hineinklagen müssen.“

Max Müller aus dem Gässje gerät bei diesen Sätzen ins Grübeln. „Wenn die Verhaftungswelle als Hinrichtungswelle zurückschwappt, habe ich als Staatsfeind Nr. 1 das Recht, als erster exekutiert zu werden. Noch vor dem Präsidenten. Aber ich denke, ich werde ihm den Vortritt lassen.“

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