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Kreuznachtillon

Spuk

EIN GESPENST GEHT UM …

Gastronom Necu Ö. staunte nicht schlecht, als er dieser Tage die Stadtverwaltung in der Viktoriastraße betrat. Im Eingang kreuzte sein Weg den des Wirtschaftsdezernenten Bausch, der beim anschließenden smalltalk über das Tagesgeschäft scherzhaft anmerkte: „Wenn es Probleme gibt, kommen Sie doch einfach nach Rüsselsheim.“ Seither geht die Angst um in der Stadt.

War bisher die Frage, was der Wirtschaftsdezernent eigentlich bewirkt, wird nun eher befürchtet, dass er tatsächlich etwas bewirkt. Kämmerer Heinrich plagen nachts schon Albträume vom Umzug der Michelin nach Rüsselsheim. Oberbürgermeisterin Dr. Kaster-Meurer ist umgehend zum Gegenangriff übergegangen und torkelt von Kneipe zu Kneipe, um die Gastronomen vom Abwandern abzuhalten. Ob dies ausreicht, bleibt abzuwarten. Nach ersten Umfragen sind alle Firmen zwischen Martinsbergtrasse und Grenzgraben bereits am Packen.

„Auf nach Hessen“ tönt es allerorten. Wer vom Bahnhof aus Richtung Planig schaut, wird künftig voraussichtlich nur noch Leerstände sehen. In der Innenstadt ist derweil Panik ausgebrochen, weil von dort aus die Versorgung der Bevölkerung nicht gesichert werden kann. Handyläden, Shisha-Bars, Friseure, Thai-Masseurinnen und Tattoo-Studios fragen sich verzweifelt, was geschehen wird, wenn der erste Kunde ein Pfund Butter sucht. Darauf ist die Innenstadt ja längst nicht mehr ausgerichtet.

Möglicherweise hat Beigeordneter Bausch aber bereits den entscheidenden Fehler begangen. Auch GUT-Geschäftsführer Dr. Vesper zieht es nämlich nach Rüsselsheim, wo er sich erhofft, die Tourismusabgabe problemlos durchsetzen zu können. Rüsselsheimer Unternehmer schauen daher derzeit sehnsüchtig nach Bad Kreuznach. Auf der künftig grünen Wiese zwischen Gensinger und Bosenheimer Straße wollen die Rüsselsheimer sich daher mit Edeka, McDonald, KFC, Kaufland usw. ansiedeln. Die Innenstädter atmen entspannt durch. Butter wird es also in der Mannheimer Straße auch künftig nicht geben.

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Kreuznachtillon

Lotogewinn

TRAUM VOM LOTTOGEWINN

26 Mrd. Mehreinnahmen an Steuern in den nächsten Jahren wurden jetzt vorausberechnet. Das macht umgerechnet auf die Einwohnerzahl Kreuznachs etwa 5 Millionen. Eine Summe, die den Stadtrat nun bei seinen Etatberatungen zu hitzigen Debatten befeuerte.„Dös is a Haufn Geld“, war aus der CDU zu hören, die damit mal wieder bewies, dass sie zumindest rechnen kann. „Das Geld darf auf keinen Fall zur Schuldentilgung verwendet werden, denn sonst ist es ja weg, ohne dass wir damit Gutes tun konnten“, ließ die SPD mit dem ihr eigenen wirtschaftlichen Sachverstand verlauten.

Die Oberbürgermeisterin regte an, umgehend in eine saubere Stadt zu investieren, was den Personalrat dazu veranlasste, mit Klagen zu drohen. Ein Stichwort, bei dem das Rechtsamt aus dem Tiefschlaf erwachte: „Fettabscheider, Sperrstunde, Tourismusabgabe und manches mehr – wir werden viel Geld für Prozesse brauchen.“ Von derartigen Zwängen und Notwendigkeiten wollten die Stadträte sich jedoch nicht in ihrer Kreativität einschränken lassen. Aus der Münsterer Ecke kamen umgehend etliche Vorschläge, wo 5 Mio. benötigt werden. So ging es hin und her, bis irgendwer fragte, wann denn konkret mit dem Geld zu rechnen sei. Am Ende einigte man sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner: Der Stadtrat füllt jetzt einen Lottoschein aus. Damit rücken die Millionen wenigstens in den Bereich des Möglichen.

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Kreuznachtillon Wein

Weinkur

Große Weine zur Kur in Bad Kreuznach

Wein muss atmen!

Eine Kinderweisheit für jeden, der sich auskennt. Große Weine müssen noch mehr atmen, besonders die Roten, die anders oft kaum trinkbar sind.  Mit zunehmender Luftverschmutzung ist dies aber weltweit ein Problem, denn oft atmen die Weine alles andere als frische Luft.  In Stuttgart etwa, wo die Feinstaubbelastung besonders hoch ist, kann allenfalls noch der heimische Trollinger ohne Probleme atmen. Von außerhalb importierte Weine leiden hingegen meist schon nach kurzer Zeit an Asthma oder gar an COPD.  Darum kommen nun von überall aus der Welt die edelsten Gewächse an die Nahe, um sich hier in der gesunden Luft zu kurieren. Schon für einen geringen Obulus tragen speziell geschulte Kultur- und Weinbotschafter die wertvollen Flaschen zwischen den Salinen spazieren. Die Erfolge verblüffen die Fachwelt. 

Dieser 2000er Chateau Mouton Rothschild wurde im Sommer in einem Spezialitätenrestaurant direkt an den Champs-Élysées in Paris geöffnet“, erläutert der Projektleiter von der Kreuznacher Weinbauschule. „Nach wenigen Stunden Atmen im Freien war er fast grün vor lauter Autoabgasen, eigentlich ungenießbar. Allerdings kostet so eine Pulle im Restaurant knapp 10 Mille. Was also tun?“ Die Lösung war eine Kur in Bad Kreuznach. „Schon nach einer Woche zwischen den Salinen hatte der Wein wieder seine kräftige rubinrote Farbe und den typischen Geruch nach Pferdemist“, bestätigt der Fachmann. 

Aktuell kuren Flaschen von  London über Hongkong bis New York im Nahestädtchen, während weltweit Gastronomen sehnsüchtig auf die Rückkehr der geheilten Tropfen warten. In Peking haben die Chinesen bereits eine Saline kopiert, weil dort jeder Wein nach dem Öffnen sofort kollabiert. Allerdings konnte dem Dauersmog mit einer einzigen Saline bisher nicht effektiv begegnet werden. 

Ohne Erfolg war die Salinenkur bisher lediglich bei den meisten Weinen aus Kreuznacher Kneipen, was wahrscheinlich damit zusammenhängt, dass dort überwiegend noch geraucht wird. Dazu nochmals der Projektleiter: „Wir hatten neulich eine Flasche hier, die ein Bauer beim Gülleausfahren dabei hatte. Die konnte in der Salinenluft vollständig regenerieren. Aber wenn ein Wein erst einmal Nikotin geatmet hat, dann ist er unwiderbringlich verloren. Da hilft nur noch ein neues Etikett. Als Rheinhessenwein findet er immer noch Abnehmer.

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Satire

Ökumene

Ökumenischer Reformationsgottesdienst

Zum morgigen Reformationstag verkünden die zahlreichen christlichen Kirchengemeinden in der Stadt ein schönes Zeichen: Anlässlich der 500. Wiederkehr des Thesenanschlags wolle man erstmals gemeinsam einen Gottesdienst feiern. Das Ereignis findet statt am 31.10.2017 um 10 Uhr in der Pauluskirche. Zur Eröffnung soll in brüderlicher und schwesterlicher Einheit das Lied vom kleinen Senfkorn Hoffnung gesungen werden, anschließend …

Wie soeben gemeldet wird, wollen die Katholiken den Gottesdienst lieber in Heilig Kreuz feiern. Von den Evangelischen komme schon das Datum, darum sei es ein schönes Zeichen, wenn der Ort katholisch sei. Bei dieser Gelegenheit meldet sich auch die evangelische Freikirche im Brothaus zu Wort: „Um zehn ist immer unser Krabbelgottesdienst. Den können wir nicht ausfallen lassen, weil die Stillkinder da am aufnahmefähigsten sind. Es wäre ein schönes Zeichen, wenn auf die Kleinsten Rücksicht genommen werden könnte.

Von der brasilianischen Kirchengemeinde im alten Güterbahnhof kommt die Anfrage, ob der Gottesdienst mit Samba-Einlagen aufgepeppt werden könnte. Dies sei ein schönes Zeichen gegenüber allen Christen in Lateinamerika. Allerdings gibt es diesbezüglich Bedenken seitens der calvinistisch-traditionalistischen Gemeinde, deren Sprecher verbittert mit den Zähnen knirscht: „Nackte Haut geht gar nicht. Das Treffen muss einheitlich in züchtigen, langen, schwarzen Gewändern stattfinden. Dies reicht als Zeichen. Wir wollen nicht, dass das Zeichen schön ist.“

Von den adventistischen Diarrhoetikern kommt der Hinweis, dass das Senfkorn im Eröffnungslied möglicherweise unangenehme Vorstellungen bei Lebensmittelallergikern auslösen könne. Ein anderes Lied sei ein wichtiges Signal an diese Gruppe und damit ein besonders schönes Zeichen. Die kryptisch-mennonitische Glaubensgemeinschaft regt an, „brüderlich und schwesterlich“ durch „geschwisterlich“ zu ersetzen. Dies erscheine weniger trennend und mehr verbindend, wodurch ein schönes Zeichen in Richtung moderner Lebensformen gesetzt werden könne. Die Neuapostoliker bestehen darauf, Sitzplätze vor den Altapostolikern zu erhalten, um durch Zuwendung des Rückens ein Zeichen an diese senden zu können. Währenddessen versuchen die Trinitarier aktuell mit den Unitariern die zwischen beiden kontrovers diskutierte Frage zu klären, ob der Sonntag nun der erste oder der letzte Tag der Woche ist. Beide Gruppierungen erhoffen sich von dem Einheitsgottesdienst ein wichtiges Zeichen für ihre Ansicht.

Bei der Stadtverwaltung hatte man gehofft, dass von dem Gottesdienst ein schönes Zeichen für Bad Kreuznach ausgehe. Mittlerweile sieht man die Veranstaltung aber in Gefahr, was kein schönes Zeichen sei. Eilig wurde daher das Amt einer Religionsbeauftragten geschaffen. Diese hat nach intensiven Gesprächen mit allen Beteiligten zunächst einmal angeregt, den Termin vom 500. Reformationsjahr in das 1000. Reformationsjahr zu verschieben. Dadurch erlange frau*in genug Zeit, die Gemeinsamkeiten noch mehr herauszuarbeiten. Der neue Termin wurde von allen Beteiligten in einer gemeinsamen Erklärung bestätigt und zugleich betont, dass dies grundsätzlich ein schönes Zeichen christlicher Einheit sei. Aus Rücksicht auf die Calvinisten wolle man aber nur von einem einfachen Zeichen reden.

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Wein

Weinkritik

Kritik an der Weinkritik

Der Irrtum aller modernen Weinkritik ist ihr Versuch, den Wein einfach, zugleich aber allgemeingültig zu erklären. Was dabei herauskommt, sind Begleitvorschläge zum Essen, als sei der Wein nur ein Accessoir der Nahrungsaufnahme.

„Dieser Wein passt zu Wiener Schnitzel“ – derartiges kann man auf Flaschen lesen als Empfehlung an Konsumenten, die das Wiener Schnitzel nicht vom Schnitzel Wiener Art zu unterscheiden wissen. Schnitzel also, das soll der Schlüssel zum Verständnis eines Weines sein. Die Beilagen sind scheinbar egal, die Tageszeit, zu welcher man es isst, ebenso. Ganz nebenher wird auch noch suggeriert, besagtes Schnitzel schmecke allerorten stets gleich. Eine recht abschätzige Vorstellung von der Kochkunst in deutschen Landen, dennoch gerne in Kauf genommen, um den Kunden einen Wein schmackhaft zu machen. 

Es ist an der Zeit, den Weintrinker endlich aus seiner Unmündigkeit befreien. Ob, wann und wozu ein Wein schmeckt, weiß man eben erst, wenn man es probiert hat. Das schließt Risiken ein, sich falsch zu entscheiden. Aber ist dieses Risiko größer als jenes, einfach den Etikettenangaben zu vertrauen?